Gewichtiges Werk über Dr. Hans Thiekötter

Personalisierte Stadtgeschichte

06.04.2017 - 

MÜNSTER - Es gehört Unternehmergeist und Durchhaltevermögen dazu, ein derart detailfreudiges und im Wortsinn gewichtiges Buch über eine Persönlichkeit der jüngeren münsterischen Stadtgeschichte herauszubringen. Der münsterische Druckereibesitzer Bernd Thiekötter gab den Anstoß, der Musikwissenschaftler Dr. Thomas Eickhoff arbeitete sich durch eine imposante Materialsammlung hindurch. So entstand ein biografisches und lokalgeschichtliches Opus magnum, das weit über eine Biografie hinaus greift. In Bezug auf Münsters Stadtgeschichte hat der Band Gewicht.

Es geht um Bernd Thiekötters Vater, Dr. Hans Thiekötter (1906-1967). Dieser stammte aus Werl, studierte in Münster und stieg als Historiker, Germanist und Bibliothekar zum Leiter der Stadtbücherei Münster auf, die er über 32 Jahre lang leitete. Autor Thomas Eickhoff blättert berufliches Werden und Wirken Thiekötters auf. Die Gymnasialzeit in Werl und die Studentenzeit in Münster kennzeichnen Thiekötter als kirchlich verwurzelten Akademiker seiner Zeit. Besonders aufschlussreich sind die Einblicke in das kulturelle Milieu und das Tableau kultureller Entscheidungsträger der Stadt Münster nach dem Zweiten Weltkrieg. Thiekötter zählte hier mit Personen wie dem Kulturdezernenten Dr. Wilhelm Vernekohl, dem Chefredakteur Dr. Antonius Eickhoff,  dem münsterischen Verkehrsdirektor und Mühlenhofgründer Theo Breider sowie Generalmusikdirektor Dr. Robert Wagner zu den tragenden Säulen des kulturellen Wiederaufbaus der Stadt, die symbolträchtig im Neubau des Theaters gipfelte.

Eickhoff spart nicht die ambivalent wirkende Lebensphase Thiekötters während der  1930er und 1940er Jahre aus. Als Bibliotheksdirektor schwankte dieser zwischen christlicher Grundhaltung und Opportunismus, der auch in seiner NSDAP-Mitgliedschaft zum Ausdruck kam. Programmatische Texte Thiekötters zeigen ihn – ob unter Zugzwang oder freiwillig – als Verfechter einer Literatur, die dem „deutschen Wesen“ dient. Auch hatte er das Programm der Stadtbücherei völkisch auszurichten.

Es bedurfte zahlreicher Leumundszeugnisse aus kirchlichem Munde, um Thiekötter nach dem Weltkrieg wieder in die alte Position zurückzuführen. Auch in dieser objektiv-kritischen Betrachtung repräsentiert das Buch eine typische Biografie an den Schnittstellen zwischen Weimar, NS-Diktatur und aufstrebender Bundesrepublik Deutschland.

 

- Johannes Loy -

 

Hans Thiekötter: Leselust und Stadtkultur in Münster.
Ein Bibliothekar und seine Zeit.
Ardey-Verlag, 896 Seiten, zahlreiche Fotos und Abbildungen, 65 Euro